Religion

Die neue Prachtentfaltung der evangelischen Kirche

Wie haben wir die evangelische Kirche, ach, so asketisch in Erinnerung! Schwarzer Talar und Beffchen, das stand seit Menschengedenken für den evangelischen „Kultus“, wenn man den mageren Wortgottesdienst überhaupt mit solchem Attribut versehen kann. Die Katholiken, ja, die waren bunt, barock und überbordend. Da gab es eine fast endlose liturgische Kleider­ord­nung mit unendlichen Variationsmöglichkeiten, luziferische Äußerlichkeiten eben. Oder doch nicht?

Nun, seit 2002 hat die evangelische Kirche begonnen, sich zu bekehren. Nicht, dass der Papst als Oberhaupt der gesamten Christenheit jetzt anerkannt würde – Gott bewahre! Aber so ein bisschen am barocken Gebaren der Katholiken möchten auch die sonst eher trocken gesinnten Evangelischen nun teilhaben. Warum? Da gibt es wohl zwei Grundstimmungen: Zum einen gibt es die, die sich darüber Gedanken machen, dass die Farbe schwarz einfach abstossend wirken könnte, un­freund­lich, unpersönlich. Und dass dies vielleicht heutige Menschen, die eben nicht mit Luther oder Melanchton aufgewachsen sind, verprellen könnte. „Zusätzlich verprellen könn­te“ möch­te man hinzufügen, denn der Mitgliederverlust der evangelischen Kirche geht sicher nicht allein auf das Konto der schwarzen Amtstracht. Eine andere Strömung sieht in der Kombination aus Albe und Stola mit wechselnden Farben im Kirchenjahr (für die Stola natürlich) ein Zeichen für mehr Spiritualität – was immer damit etikettiert sein mag. Der Kultus, das Ritual, wird plötzlich wieder als etwas Positives, Verbindendes, Anziehendes empfunden. Freilich mit dem Hintergedanken, entlaufene Schäfchen wieder einfangen und Strauchelnde wieder auf­rich­ten zu können.

Das sind natürlich legitime Überlegungen, die keine Spur von Häme diskreditieren soll. Es ist außerordentlich erfreulich, wenn eine bedeutende christliche Religionsgemeinschaft so ganz ungewohnt über Spiritualität nach­denkt. Bliebe bescheiden anzumerken: Wir tun das auch. Der Urglaube der Menschheit, die Religion der Su­me­rer, die gerade in der heutigen Welt wieder Gestalt annimmt, wird auch nicht histo­risierend auf Gewandformen archaischer Kultgewohnheiten zurückgreifen, sondern als Kultus, der den Menschen von heute viel geben kann, ebenso auf Albe und Stola. Allerdings aus einem anderen Grund: Die sumerischen Priester werden in allen schrift­lichen Hinterlassenschaften des Zweistromlandes als die „leinengewandeten“ charak­te­ri­­siert. Darum die Albe und nicht ein uns fremder Zottenrock. Die Stola hat eine andere Geschichte. Als Bestandteil der römischen Priesterkleidung ist sie bekannt. Aber, wie die Albe, entstammt sie ursprünglich sumerischer Tradition. Der Weg der Stola von Sumer nach Rom ist jedoch nicht nach­voll­zieh­bar.

Dank des Buches „Die Sumerische Liturgie des Alltäglichen Opfers“, hier erhältlich, wurde es jetzt erstmals möglich, eine sumerische Opferfeier in unserer Zeit zu voll­ziehen. Dazu mussten natürlich den Priesterdarstellern und ihren Helfern adäquate kultische Gewänder beschafft werden, was auch geschehen ist:

 

 Wolf Wieland als Priesterdarsteller in liturgischem Gewand.

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