Religion

Zauberei und Hexenbrut - Der Kampf gegen das Böse

Ein Hexer bei der Beschwörung

 Sumerischer Hexer bei einer Beschwörung

Wenn man sich die riesige Menge mesopotamischer schriftlicher Hinterlassenschaften zum Thema Hexerei und Zauberei vergegenwärtigt - allen voran die auch heute noch die Fantasie erhitzende Sammlung Maqlû, auf die wir hier besonders eingehen wollen - wird verständlich, warum viele Gelehrte aus der Anfangszeit der "Assyriologie" glaubten, dass der altorientalische Mensch sich so arg von Zauberern und Hexen bedrängt fühlte, dass er buchstäblich bei jedem Schritt aufpassen musste, sich nicht in den Netzen des Bösen zu verheddern. Ganz so schlimm war es aber wohl doch nicht. Zu viele Mythen und Erzählungen zeugen von Lebensmut und Lebensglück, als dass man eine permanent angsterfüllte Grundstimmung unter den Menschen des Alten Orients voraussetzen müsste. Dennoch richtig ist hingegen, dass Zauberei und Hexerei - also die schwarze Magie - für viele Krankheiten und Schicksalsschläge verantwortlich gemacht und unzählige Rezepte und Rituale gesammelt wurden, um diesen unsichtbaren Angreifern Paroli zu bieten. Soweit mir bekannt, findet sich in den Keilschrifttexten aber keine einzige Aufzeichnung zu Praktiken der schwarzen Magie selbst. Es wäre auch ein Wunder, waren doch Hexerei und Schadenzauber im ganzen Alten Orient zu allen Zeiten verboten und mit schwersten Strafen belegt.

Die Beschwörungsliteratur gegen Schadenzauber nennt immer wieder Hexer und Hexe, Zauberer und Zauberin als Verursacher körperlichen und seelischen Verfalls, wirtschaftlichen Unheils und schwerster materieller Verluste. Der plötzliche Niedergang einer Person und ihrer gesamten Existenzgrundlage wird oft in sogenannten Diagnosetexten bis in alle Einzelheiten beschrieben und mit diesen bösen Mächten in Verbindung gebracht. Aber überraschender Weise wird nie eine Hexe, ein Hexer aufgegriffen, vor Gericht gestellt und bestraft, nie ein Schadenzauberer identifiziert und überführt. Grausame Hexenverfolgungen und -Prozesse wie in Europa in der Renaissance und der Barockzeit waren in Sumer, Akkade und Babylonien unbekannt. Aber der Lebenswandel der Hexe, ihre Herkunft, ihre Psychologie, ihre Ränke und Machtmittel werden unter Schaudern allenthalben geschildert. In den unzähligen Beschwörungstexten wird zwar vom Hexengesindel der Zauberer wie die Zauberin erwähnt, das Hauptaugenmerk sitzt aber eindeutig doch mehr auf der (weiblichen) Hexe. Sie wird mit Attributen versehen wie die Überlegene, die Herumtreiberin, Hure, der Göttin Ischtar (=sumerisch Inana) Geweihte, die Samen vergiftende Zerreißerin und Zischerin.

Das Hexengesindel wird mit dem Bösen an sich gleichgesetzt. Im Herzen der Hexe wird das unheilvolle Wort ersonnen, auf ihrer Zunge nistet das Verderben, von ihren Lippen träuft Gift, aus ihren Fußstapfen sprießt der Tod. Sie ist von Natur aus den gewöhnlichen Menschen weit überlegen. Ihre Augen sind lebhaft und scharfsichtig, ihre Füße laufen behend, Kniee und Gelenke sind weit ausschreitend und ihre Hände ungewöhnlich kunstfertig und beweglich. Dadurch huscht die Hexe mit auffallender Leichtigkeit von Stelle zu Stelle und fängt ohne Schwierigkeit ihre Beute ein. Sie wandelt auf Straßen und Plätzen einher, hält den Verkehr auf, schleicht sich in Privathäuser und öffentliche Gebäude ein. Überall verfolgt sie ihre Opfer. Sie postiert sich an schlecht einsehbaren Stellen, wirft ihr Fangnetz über die Straße, verstrickt darin die Füße des ahnungslosen Wanderers und bringt ihn zu Fall. Ihr Treiben übt sie vorzugsweise des nachts aus, weswegen sie auch die Fängerin der Nacht genannt wird, und sie hat es besonders auf Männer abgesehen. In allen Ländern ist die Hexe zuhause, und selbst vor dem Gebirge schreckt sie nicht zurück. Wo aber die Hexe eigentlich ansässig ist, bleibt stets ein Rätsel. Weder ihre Stadt noch ihr Haus - ja, nicht einmal ihren Namen - kennt jemand. Daher fragt der Beschwörungspriester wieder und wieder: "Wer bist du, Hexe?", aber die Antwort bleibt aus. Häufig treibt sie sich an düsteren, lichtarmen Orten herum, in Ruinen und schattigen Winkeln alter Gemäuer beispielsweise, wo sie ihre perfiden Anschläge ausheckt und vorbereitet. Oft ist sie Ausländerin - eine sowieso schon verdächtige Spezies. "Meine Verhexerin ist eine Gutäerin!" schreit vor Verzweiflung der vom Wahnsinn Gepeinigte, "meine Bezauberin ist eine Elamerin!" murmelt der Zerschmetterte auf dem Totenbett.

Hexen greifen in alle gefestigten Verhältnisse störend ein und rufen Verwerfungen und Unglück hervor. Sie schonen an ihren Opfern nichts: vom äußeren Habitus bis zu den innigsten Gefühlen, sondern nehmen sie ganz - mit Leib und Seele - in ihre Gewalt. Die Hexe zerreißt die Kleidung, zerrupft die Haare, reibt die Haut mit schädlichen Salben ein. Sie nimmt dem Menschen den Atem, verstopft ihm den Mund mit Zauberschnüren und Zauberkräutern, verdirbt sein Essen und Getränk. Sogar in seinem Inneren nistet sich die Hexe ein und ruft dort Krankheiten und Leiden sowohl physischer als auch psychischer Art hervor. Mit Fieber, Wahnsinn, Panik und Herzbeklemmung, Niedergeschlagenheit, Weinen und Wimmern, bösen Träumen und vielem mehr plagt sie ihre Opfer Tag und Nacht bis zum Tod. Familienleben und Gesellschaft schont die Hexe ebensowenig. Sie ruft vergiftete Liebe und Hass, Kränkungen und Verleumdungen hervor. Sie stachelt Freund gegen Freund, Bruder gegen Bruder, Kinder gegen ihre Eltern auf und schürt Verfeindungen zwischen Untergebenen und Vorgesetzten. Selbst die Götter reizt sie zum Zorn gegen die Menschen. Mit besonderer Vorliebe stört die Hexe den ehelichen Umgang zwischen Mann und Frau. Unter Vorspiegelung falscher Identitäten verführt sie den Mann - oder der Hexenmeister die Frau - zum außerehelichen Geschlechtsverkehr und bringt sie in ausweglose Situationen. Die Hexe kann selbst die Naturkräfte in Aufruhr versetzen und die Ratschläge der hohen Götter zunichte machen, was bedeutet: sie kann das menschliche Gewissen außer Kraft setzen. Daher hat sie auch die Beinamen "Ermüderin des Himmels" und "Umstürzerin der Erde". Übernatürliche Kräfte befähigen die Hexe, sowohl Menschen der Gewalt von Dämonen zu überantworten, als auch Dämonen für ihre eigenen Absichten einzuspannen. Die Leiden, die die Hexe herbeiruft, sind häufig typische Erscheinungen des Werks ziemlich genau bestimmbarer Dämonen.
 

Erscheinung eines Dämonen

Erscheinung eines Dämons während einer Beschwörung

Hauptmittel der Hexe ist das Wort - in diesem Fall natürlich das böse Wort. Auch von Zaubertränken, Zauberschnüren und -Knoten ist verschiedentlich die Rede, womit möglicherweise auch Knebel gemeint sind, mit denen sie ihre Opfer an der Artikulation hindert. Zentrale Bedeutung hat jedoch das "Bild". Das heißt, es wird ein Bildwerk des Opfers angefertigt - meist wohl eine Figur - an dem sie dann die verschiedensten symbolischen Handlungen vornimmt bis zur Zerstörung desselben. In Verbindung mit schwarzmagischen Beschwörungen überträgt sich das Ergebnis solchen Handels dann unmittelbar auf das Opfer selbst. Die Hexe begräbt auch Symbolfiguren ihres Opfers unter Toten, manipuliert sie in Särge oder versteckt sie in verlassenen Gegenden. Sie legt sie nieder auf Türschwellen, in Torwegen oder auf Brücken, damit nichtsahnende Passanten sie versehentlich zertreten, wodurch sogleich der Tod des Opfers eintritt.

Der gigantischen Dynamik der Hexenmacht etwas entgegenzusetzen erfordert erfahrene Beratung, klaren Kopf und jeglichen Verzicht auf eigene Machtphantasien. Gleiches mit Gleichem zu vergelten darf niemals ein Thema sein, denn die Hexe, der Hexer, sie enden in der Verdammnis; kann das der Weg der guten Seite sein? Es kann der Hexe zwar gelingen, einen Menschen bei den Göttern zu verleumden, so dass sie ihre Hand von ihm zurückziehen, oder - schlimmer noch - Zorn gegen ihn entwickeln. Doch Wahrheit und Lauterkeit sind dennoch stets zu den Göttern emporgedrungen und haben letztlich über alle falschen Zeugnisse gesiegt. Es gibt keinen Gott, der nicht von Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe durchseelt wäre. Entsprechend dieser Annahme versuchen alle Rituale gegen Hexerei die verlorene Gunst der Götter wiederzugewinnen, die Götter zu entschiedenem Handeln gegen die Hexen zu aufzufordern und die auferlegten Sanktionen zu beenden.

Nachdem die Maqlû-Tafeln entdeckt wurden, glaubte man lange Zeit, es handele sich um eine Serie, das heißt eine zufällige Zusammenstellung. Heute ist gesichert, dass man es mit der vollständigen Liturgie eines Großrituals gegen Hexerei und Schadenzauber zu tun hat, die auf 8 Tontafeln mit insgesamt etwa 1.600 Zeilen Text niedergeschrieben wurde. Es sind an verschiedenen Orten etliche Exemplare von Maqlû gefunden worden, so dass es über die zentrale Bedeutung dieser Zusammenstellung keine Zweifel gibt. Aus den Texten erschließt sich, dass dieses aufwändige Ritual zu nächtlicher Stunde mit Fackelschein und Gebet feierlich abgehalten wurde - gerade zu der Tageszeit, zu der die Hexen und Hexenmeister ebenfalls am aktivsten waren. Die Gliederung der Maqlû-Tafeln unterstreicht ihren Charakter als in sich geschlossene Ritualkette, in der das Fortschreiten des Rituals über seine verschiedenen Stationen gut verfolgt werden kann, das schließlich nach der "Lösung von dem Bann" mit angemessenem Lobpreis an den einbezogenen Gott endet.

Maqlû bedeutet "Verbrennen". Im Verlauf der Ritualnacht werden Hexenmeister und Hexe auch tatsächlich verbrannt: Als präparierte Figuren in einem Tiegel. Die symbolische Handlung soll jedoch magische Wirkung entfalten und mit Hilfe der Gottheit den realen Schädigern ein Ende mit Schrecken bereiten. Das dies tatsächlich geschieht, läßt sich daran nachweisen, dass der allgemeine Niedergang des betreffenden Patienten aprupt gestoppt wird und er körperlich und seelisch wieder gesundet. Im Fall, dass dies ausbleibt, kommen verschiedene Fehlerquellen dafür in Betracht: Haben die am Ritual Beteiligten die erforderliche Reinheit besessen? Gab es Ritualfehler? Hat einer der angerufenen Götter aus welchem Grund auch immer die Mitwirkung verweigert? Das fehlgeschlagene Ritual ist nach sumerischer Auffassung als Tatsache in die Welt gesetzt worden, das Wort ist Realität. Somit kann es auch ausgebessert oder repariert werden. Für solche Vorkommnisse existieren wiederum spezielle (kürzere) Rituale, die dem fehlgeschlagenen Ritual im Nachhinein zum Durchbruch verhelfen sollen, eine mehrfache Anwendung ist möglich.
 

Räucherung

An manchen Stellen der Maqlû-Rituale muss geräuchert werden.

Beteiligte an den heiligen Handlungen gegen Hexerei sind der Patient und ein spezialisierter Geistlicher, der Beschwörungspriester. Es liegt auf der Hand, dass je nach gesellschaftlicher Stellung des Patienten auch mehrere Priester, Pfleger und Musiker beteiligt sein konnten um die Zeremonie aufzuwerten. Häufig hat man es mit bereits Schwerkranken zu tun, weshalb oft das Bett des Patienten erwähnt wird, um das herum beispielsweise ein magischer Kreis aus Mehl gestreut wird. Wenn es auch nicht immer die Bettstatt ist, an der die Beschwörungen stattfinden, so wird doch meist das "Haus" erwähnt, womit Haus oder Palast des Patienten gemeint ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch manchmal der Tempel die Kulisse bildete, zumindest für den Personenkreis, der das Privileg hatte, das Heiligtum betreten zu dürfen. Erwähnt werden muss, dass sich natürlich jeder Mesopotamier der Hilfe eines Beschwörungspriesters versichern konnte, der Aufwand aber - und damit die Kosten - der finanziellen Leistungsfähigkeit des jeweiligen Bürgers angepasst wurde.

Es entspricht der Logik des mesopotamischen Denkens, dass Rituale gegen Zauberei - etwa Maqlû - nicht nur in akuten Fällen, sondern gewissermaßen auch prophylaktisch abgehalten wurden. Denn es konnte ja sein, dass Zeichen für nahendes Unheil übersehen wurden, so dass ein rechtzeitiges Einschreiten während der Inkubationszeit den Ausbruch der Katastrophe verhindern konnte, bevor sie offenkundig wurde. Das galt regelmäßig für besonders gefährdete Personen auf allen systemrelevanten Positionen. Extrem gefährdet war natürlich der König, die Regierungs- und Ratsmitglieder, sowie die Generalität. Es mußte stets damit gerechnet werden, dass ausländische Mächte oder Agenten im Inneren versuchen würden, den König mittels schwarzmagischer Praktiken zu Fall zu bringen, oder die Reaktionsfähigkeit des Staates durch schadenzauberischen Befall seiner Schalt- und Kommandostellen zu lähmen. Aus den Gebeten von Maqlû wird deutlich, dass man sich solche "Sabotage-Zauberei" wohl nicht so primitiv vorstellen darf, als dass sich etwa ein bösartiger feindlicher Herrscher persönlich zu seinen Hexenmeistern begeben hätte, sondern "man ließ zaubern". Das heißt, es gab Abteilungen mit genügend hexerischem Personal, die nichts weiter taten, als im Auftrag der Staatsführung permanent Schadenzauber ins gegnerische Lager zu "funken". Man hat sich das so vorzustellen wie heutige Spezialeinheiten, die den Cyberkrieg vorbereiten oder unbemerkt in Geheimoperationen bereits führen. Und ebenso, wie man heute in aller Welt ängstlich nach Sicherheitslücken in den IT-Systemen späht, wurde beim Militär von Sumerern und Akkadern permanent nach Lücken im Schutz vor feindlichem Schadenzauber geforscht und dieser regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht. Schließlich galt als unumstösslich, dass die eigenen Götter diesen Schutz immer gewähren würden, war man nur wachsam genug gegenüber Zeichen, die das Unterlaufen eben dieses Schutzes signalisierten.

Nach der mesopotamischen Zeitrechnung endet der Tag mit dem Sonnenuntergang. Entsprechend beginnt nach Sonnenuntergang der neue Tag. Genau dies ist der Beginn der Beschwörungshandlung Maqlû mit der Anrufung der großen Götter der Nacht, pullulu rubu, oder auf deutsch "Die Mauern sind gut bewacht". Diese Einleitung wurde bereits vollständig abgedruckt in dem Artikel Sumer, seine Religion, seine "Bibel". Sie wendet sich in feierlicher Form an die vergöttlichte Nacht und ihre Götter, also die als Astralgestalten der mesopotamischen Götter betrachteten Sterne. Weitergeführt wird dieser Gedanke mit der nächsten Beschwörung Alsikunuschi ilu muschiti:

 

Ich rufe euch an, ihr Götter der Nacht. Mit euch
Rufe ich an die Nacht selbst, die verhüllte Braut.
Ich rufe die Abenddämmerung an,
Die Mitternacht und die Morgendämmerung.
Weil eine Hexe mich behext hat.
Eine hinterlistige Frau hat mich beschuldigt.
Sie hat damit erreicht,
Dass mein Gott, meine Göttin mir entfremdet sind.
 
Zuwider bin ich jedem, der mich sieht.
Weder tags noch in der Nacht kann ich mehr ruhen.
Ein Knebel verstopft meinen Mund immerzu.
Keine Mahlzeit kann ich mehr einnehmen,
Kaum noch Wasser kann ich trinken.
Mein Freudenlied hat sich in Jammerklage verkehrt
Und meine Fröhlichkeit in Trauer.
 
Steht mir bei, oh ihr großen Götter
Und leiht meiner Klage euer Ohr.
Richtet über meinen Fall
Und gewährt mir eine Entscheidung.
 
Ich habe eine Figur hergestellt
Von meinem Zauberer, meiner Hexe,
Meinem Hexenmeister und der Frau,
Die Hexerei gegen mich in Gang gesetzt hat.
Ich setze sie nieder vor eure Füße
Und trage euch meine Klage vor.
 
Weil sie Unheil gegen mich entfacht haben
Und pausenlos grundlose Angriffe gegen mich führen:
Mögen sie sterben - ich aber leben.
Mögen ihre Zauberei, ihr Gegeifer,
Ihre Hexenfesseln von mir gelöst sein.
Möge die Tamariske, die fruchtbar bis zur Krone ist, mich freimachen.
Möge die Dattelpalme, die allen Winden widersteht, mich heilen.
Möge das Seifenkraut, das die Erde füllt, mich reinigen.
Möge die üppig fruchtende Akazie mich erlösen.
 
In eurer Gegenwart bin ich nun rein wie frisches Gras geworden,
Makellos und unschuldig wie Nardenöl.
Ihre Zaubersprüche, die einer bösen Hexe, sind zurückgekehrt
In ihren Mund und schnüren ihre eigene Zunge ab.
Als Lohn für ihre Hexerei mögen die Götter der Nacht sie peinigen.
Mögen die Wächter der Nacht ihren schlimmen Bann auflösen.
 
Ihr Mund werde zu Talg, ihre Zunge zu Salz:
Möge das, was Übles gegen mich hervorspie abtropfen wie Talg.
Möge das, was gegen mich Zaubersprüche sprach, sich auflösen wie Salz.
 
Ihre Fesseln seien zerrissen, ihre Machenschaften nichtig.
Alle ihre Worte mögen in der Steppe verhallen,
Durch das mächtige Wort der Götter der Nacht!
 
In diesem Text wird bereits mit der Erwähnung der Abenddämmerung, Mitternacht und Morgendämmerung auf die zeitliche Länge des Ritualgeschehens hingewiesen. Es dauerte nämlich tatsächlich die ganze Nacht über bis in den Morgen. Auf die Einleitungsbeschwörungen folgt ein Abschnitt, der im weiteren Sinn noch zur Einleitung gehört: Die kosmische Verortung des Großrituals vom Himmel bis zur Unterwelt. Während es gerade noch die großen Götter im Himmel waren, die zur Zeugenschaft gerufen werden, wird in der folgenden Anrufung "Erzetu, erzetu, erzetuma" auf das Land ohne Wiederkehr abgehoben und auch auf Gilgamesch, der als Richter in die Unterwelt eingesetzt worden war (s. die Dichtung Gilgameschs Tod):
 
Unterwelt, Unterwelt, ja Unterwelt!
Gilgamesch ist der Herr über eure Flüche!
Alles was ihr getan habt, das weiß ich.
Alles was ich tun werde, das wißt ihr nicht!
Was meine Hexen tun, ist nicht mehr greifbar,
Und niemand kann es ungeschehen machen,
Keinen gibt es, der es lösen kann!
 Sternenhimmel
 

Mit dem nächsten Spruch sind wir jedoch schon wieder auf der Erde zurück und in der Stadt Zabban. Den Himmelsgöttern wird Erfrischung und Reinigung angeboten, während sie vermutlich durch das östliche Tor einziehen:

Meine Stadt Zabban, meine Stadt Zabban,
Meine Stadt Zabban hat zwei Tore:
Eines nach Osten, das zweite nach Westen.
Eines nach Sonnenaufgang, eines nach Sonnenuntergang.
Einen frischen Zweig des Maschtakalbaumes halte ich euch entgegen.
Den Himmelsgöttern biete ich frisches Wasser dar.
Wie ich euch reinige, so reinigt auch mich!

Diese letzten beiden Vorbereitungs-Beschwörungen sind sehr kurz, mithin die kürzesten in Maqlû überhaupt. Wenn ich bedenke, welche große Rolle Gesang und Instrumentalmusik in der mesopotamischen Religion ansonsten spielen, kann ich mir gut vorstellen, dass diese kurzen Sequenzen wiederholt gesungen wurden; vielleicht in einer Mischung von Arie und Rezitativ und mit Instrumentalbegleitung, falls verfügbar. War bisher Himmel, Unterwelt und Erde angesprochen worden, so wird nun der Umgriff erweitert auf der Erde, indem vorsorglich - wie bei einer Pandemie - das Eindringen aus fremden Ländern gesperrt, der Aktionsradius von Hexer und Hexe eingeengt und ein Auftrag preisgegeben wird:

Ich habe die Fähre gesperrt, die Anlegestelle geschlossen.
Ich habe ihre Zaubereien, die aus allen Ländern kommen, zurückgehalten!
Anu und Antu haben mich gerufen. Wen soll ich zu Belet-Seri schicken?
Vor den Mund meines Hexenmeisters und meiner Hexe hänge ich ein Schloß.
Wirf auf sie die Beschwörung des Weisen der Götter, Marduk!
Sollten Sie nach dir, Belet-Seri, rufen - antworte ihnen nicht.
Sollten sie dich um etwas bitten, erhöre sie nicht!
Hingegen wenn ich dich anrufe, dann antworte mir,
Wenn ich dich um etwas bitte, dann erhöre mich!
Denn das ist der Befehl, den Anu, Antu und Belet-Seri gegeben haben.
 
Mit dem "Weisen der Götter" wird der Gott Ea (das ist akkadisch, auf sumerisch Enki) identifiziert. Eine Vorbereitung steht jetzt noch aus: Bewegungen von Zeit und Erde, Natur und fortwährende göttliche Beurteilung des Menschen müssen angehalten, gestoppt, eingefroren werden. Erst wenn gewährleistet ist, dass der Fortgang von Erde und Schicksal gestoppt ist, können Hexer und Hexe konkret verklagt, bloßgestellt und mithilfe der Götter vernichtet werden, denn nur dann haben sie keine Möglichkeit mehr, ihr Wirken fortzusetzen. Das hört sich in der Fortsetzung Schapraku allak'uraku so an:
 
Ich bin gesandt, also gehe ich.
Ich habe einen Auftrag, also spreche ich denn!
Gegen meinen Hexer, und meine Hexe hat Asalluhi,
Der Herr der Geisteraustreibung, mich gesandt.
Bewohner des Himmels, habt acht!
Bewohner der Unterwelt, hört.
Ihr am Fluß, achtet auf mich.
Ihr im trockenen Land, paßt auf auf meine Rede!
 
Der heulende Wind ist verstummt - blase nicht!
Er, der Stecken und Stab trägt, ist geschlagen - Du sollst nicht blasen!
Stehen bleiben möge die Straße, die Tochter der großen Götter!
Während ich über meinen Hexer und meine Hexe vortrage,
Soll der Ochse den Richter hinhalten, soll das Schaf den Richter hinhalten.
Ihr Wort möge wieder ungeschehen werden,
Aber meine Worte sollen nicht ungeschehen werden.
Während ich mein Wort spreche, wird ihr Wort mir nicht in den Weg kommen.
Auf Befehl, erteilt von Asalluhi, dem Herrn der Geisteraustreibung.
 
Asalluhi ist einer der 50 Namen Marduks, des Hauptgottes Babyloniens. Er ist mithin ein Aspekt Marduks. Mehr über Marduk im Artikel "Der Aufstieg Marduks als Schritt zum Monotheismus". Was nun folgt, sind in breiter Front die Anschuldigungen gegen Hexenmeister und Hexe und ihre symbolische Vernichtung. Dazu werden in Dutzenden weiterer Beschwörungen Figuren der Widersacher aus den verschiedensten Materialien aufgeboten, von Wachs bis Bronze, verschiedene Verbrennungs- Versengungs-, Schmelzungs-, Ertränkungs- und Zerstückelungshandlungen durchgeführt und die unterschiedlichsten Götter angerufen, bemerkenswert viele Dämonen in Marsch gesetzt und immer wieder wird die Zeremonie unterbrochen durch das ausserhäusige Entsorgen von Rückständen des Zauberers und der Zauberin, die mal nur auf dem Kehrichthaufen im Hof, mal im Fluß oder auch mal in einer "verlassenen Gegend" landen.
 
Hexenmeister auf dem Weg in die Verdammnis
Hexenmeister auf dem Weg in die Verdammnis

 

Wir werden hier Schluß machen mit den Einzelheiten zu Maqlû, denn alle Aspekte dieses berühmtesten Großrituals gegen Zauberei und Hexenbrut auszuloten, stünde einem ganzen Buch besser an, als einem Fachartikel auf unserer Website. Erwähnt soll aber noch werden, dass jetzt die typische Beschwörungsreise erst richtig losgeht. Die Beschwörungen geizen nicht mit Wortspielen, die typisch für die akkadische Literatur sind. Bei der deutschen Übersetzung kommt man deswegen oft in die Bredouille, weil sich im akkadischen Text die Synonyme derart häufen, dass es wirklich schwierig wird, im Deutschen noch passende Pendants zu finden. In der folgenden Beschwörung der Götter Nuska und Girra haben wir uns jedoch in dieser Beziehung bei der Übersetzung alle Mühe gegeben, und das liest sich so:

 

Nuska, dies sind die Figuren meines Zauberers,
Dies sind die Figuren meiner Zauberin,
Die Figuren meines Hexers und meiner Hexe,
Die Figuren meines Zauberers und meiner Bezauberin,
Die Figuren meines Schadenswollers und meiner Schadenswollerin,
Die Figuren meines Behexers und meiner Behexerin,
Die Figuren meines Unheilmachers und meiner Unheilmacherin,
Die Figuren meines Widersachers und meiner Widersacherin,
Die Figuren meines Verfolgers und meiner Verfolgerin,
Die Figuren meines Prozeßgegners und meiner Prozeßgegnerin,
Die Figuren meines Verklägers und meiner Verklägerin,
Die Figuren meines Verleumders und meiner Verleumderin,
Die Figuren meines Übelbringers und meiner Übelbringerin,
 
Die du, Richter Nuska, kennst, die ich aber nicht kenne,
Die gegen mich Hexerei, Zaubereien, magische Handlungen,
Böse Machenschaften, Zauberei, Aufstand, böse Rede,
Liebeszauber, Haßzauber, Rechtsverdrehung, Lebensabschneidung,
Sowie Mundlähmung, Zornentschwindung, Verstörung,
Schwindel und Wahnsinn zauberten, zaubern ließen,
Anstrebten, anstreben ließen:
 
Das sind sie, das sind ihre Figuren! Da sie nicht anwesend sind,
Strecke ich dir ihre Figuren entgegen und bitte dich:
 
Du Richter Nuska, der den Feind und den Bösen überwältigt,
Überwältige sie, so daß ich nicht Schaden nehmen möge.
Sie, die Figuren von mir herstellten, meine Gesichtszüge nachahmten,
Die meinen Mund packten, meinen Nacken zucken ließen,
Meine Brust preßten, mein Rückgrat krümmten,
Mein Herz schwächten, mir meine Manneskraft stahlen,
Mich gegen mich selbst erzürnen ließen,
Meine Kräfte erschöpften, meine Arme erschlaffen ließen,
Meine Kniee fesselten, meine Sehkraft minderten,
Mein Gehör schädigten, mich mit Fieber, Steifheit und Schwäche schlugen,
Mich mit behexter Speise speisten,
Die mir behextes Wasser zu trinken gaben,
Die mich mit verseuchtem Waschwasser wuschen.
Die mich mit Salben aus schädlichen Kräutern salbten,
Mich mit einem Toten verlobten, mein Lebenswasser in ein Grab vergossen,
Die Gott, König, Vornehme und Anführer gegen mich aufbrachten.
 
Du, Girra, du bist es, der Hexenmeister und Hexen verbrennt,
Der das Böse, die Saat des Hexers, die Saat der Hexe vernichtet,
Der Zerstörer der Übeltäter.
Ich rufe dich an anstelle von Schamasch, dem Helden.
Am heutigen Gerichtstag steh du mir bei!
Sprich mir Recht! Verfasse du das Urteil.
Verbrenne den Hexer und die Hexe, vertilge meine Feinde,
Friß die auf, die mir Böses wollen!
Lasse sie durch deinen rasenden Feuersturm vernichten!
Mögen sie verenden wie das wegsickernde Wasser
Eines geplatzten Wasserschlauchs.
Mögen ihre Finger abgeschnitten werden wie von scharfen Steinen -
Durch deinen erhabenen Befehl, den niemand in Zweifel zieht
Und deine Zusage, die unabänderlich ist.
 

Wie bereits erwähnt, wollen wir hier die Zitate aus Maqlû beenden, da sonst die zumutbare Leselänge eines Artikels weit überschritten würde. Noch anzumerken wäre, dass die letzte Tafel des Großrituals ausschließlich knapp gefasste Anweisungen darüber enthält, was bei den einzelnen Beschwörungen vom Priester neben der Textzitierung noch zu tun ist. Auch, was der Kranke und was der Priester handlungsmäßig beiträgt, wird ausreichend verständlich behandelt. Um dem Leser abschließend noch einen Eindruck zu verschaffen, wie ein Aschipu, ein Beschwörungspriester, gegen Zauberei und Hexenbrut materiell ausgestattet sein mußte, um für alle Einsatzfälle gewappnet zu sein, möchte ich noch diese interessante Materialliste "für Rituale gegen Hexerei" zur Kenntnis bringen:

 

Für einen Reisealtar mit Töpferausstattung hier alle dazugehörigen Materialien:

Eine Figur der Tochter von Anu, geschaffen aus Ton von der Tongrube,
Ein purpurrotes Wollgewand, zwei Ledertaschen mit Lebensmitteln,
Ein Silberring, ein Silberkorn, ein Siegel aus Haltustein, eine Parfümflasche,
Eine Tasse, ein Brotbackofen, ein Bierbrauerofen, sowie ein Töpferbrennofen
Und ein Schmelzofen, auch ein Röstofen, ein Schmelztiegel und ein neues Kohlebecken.
 
Zwei Figuren aus Tamariskenholz, zwei Figuren aus Zedernholz.
Zwei Figuren aus Ried, zwei Figuren aus Holz.
Zwei Figuren aus Blech, zwei Figuren aus Kupfer,
Sieben Figuren aus Ton,
Sieben Figuren aus Ton von der Tongrube, der mit Erdpech gemischt ist.
Sieben Figuren aus Gips, sieben Figuren aus Teig,
Sieben Figuren aus Biermaische, sieben Figuren aus Bierbrot,
Sieben Figuren aus Turuharz, sieben Figuren aus Obsttrester,
Sieben Figuren aus Talg, der mit Kresse gemischt ist,
Sieben Figuren aus Talg, sieben Figuren aus Wachs,
Sieben Figuren aus Erdpech.
 
Heilttausendkraut, Löseholz, ein Trichter, Maschtakalseifenkraut,
Ein gebogener Bronzestab.
 
Es ist ganz offensichtlich nach dieser Beschreibung, daß die Grundausrüstung eines Aschipu (Beschwörungspriesters) nicht in der Hand oder auf dem Rücken getragen werden konnte. Allein der "Reisealtar", also ein klapptischartiges Ausrüstungsteil, das mit Altar-Utensilien und zumindest einem wie immer gearteten Heiligen- oder Götterbild zu bestücken war, übersteigt schon die mobilen Möglichkeiten des durchschnittlichen Geistlichen, und die verschiedenen Öfen, die unverzichtbar sind, erst recht. Ich nehme daher an, dass der Priester (oder deren mehrere, samt Hilfspersonal) mit einem oder mehreren Wagen (gezogen von Eseln - Pferde waren noch nicht domestiziert) angereist sein muß. Gemessen am Aufwand können daher die Rituale nicht "billig" gewesen sein, selbst wenn sie sozial angepasst waren, wie wir an anderer Stelle schon bemerkt haben. Alle hier zitierten mesopotamischen Quelltexte können in dem Buch in deutscher und akkadischer Sprache nachgelesen werden.
 
Jetzt aber wirklich die endgültig abschließende Bemerkung zu allem, was Sie, lieber Leser, an schwer verdaulicher Kost über sich ergehen lassen mußten: Stellen Sie sich bitte vor, Sie seien der Teilnehmer an einem solchen nächtlichen Ritual mit Fackelschein, Sternenlicht und leinengewandetem Priester, der in scharf akzentuierter akkadischer Sprache wortspielhafte Verse auf Sie einprasseln ließe wie diesen:
 
Erzetu, erzetu erzetumma!
Gilgamesch bel mamitikunu!
Mimmu scha attunu tepuscha ide.
Mimmu scha anaku eppuschu attunu ul tida.
Mimmu scha kaschappatua ippuscha
Ega patira paschira ul iraschi!
 
Und dann zerschlägt er plötzlich wie aus dem Nichts die Figur, die auf dem Altar steht und Ihr Leiden symbolisiert und die Sie vielleicht wochenlang mit sich herumtragen mußten! Die Scherben fliegen Ihnen um die Ohren, die Pauke dröhnt, der Sänger singt von Erlösung, Sie atmen den Weihrauch ein, den der Priester jetzt entzündet hat - was geht da in Ihnen vor? Könnte es sein, dass Sie von Heilung ergriffen werden? Mit dieser offenen Frage lasse ich Sie, lieber Leser, nun alleine und wünsche Ihnen gute Gedanken - bis zum nächsten Mal auf SUMERIA.AT.
 
 

 

 

 

 

 

 

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