Religion

Christentum und sumerische Religion

Christ in Limbo, Jan Brueghel d.Ä.

Christus in Limbo (Christus in der Unterwelt) von Jan Brueghel d.Ä. (Ausschnitt)

 

Die sumerische Religion ist die direkte Vorgänger-Religion des Judentums, Christentums wie auch des Islam.
Unter dem Aspekt der Geschichte Abrahams wurde dies schon im Artikel "Wer war Abraham?" ausführlich behandelt.
Hier nun soll speziell das Verhältnis zwischen Christentum und der sumerischen Religion betrachtet werden.

Im Allgemeinen glauben die Sumerer an einen unvergänglichen Wesenskern des Menschen, der als Totengeist schattengleich - aber dennoch individuell - in der Unterwelt weiterlebt. Richtig komfortabel ist es aber dort nicht, es ist eher ein Traum- oder besser gesagt, ein Alptraumleben. Am prägnantesten werden wir über die Unterwelt im Gilgamesch-Epos unterrichtet. Gilgamesch, der König von Uruk, träumt, dass er dort gewesen sei (7. Tafel) und gibt damit die gängige Vorstellung ihrer Beschaffenheit preis:
 
...und führte mich zum Haus des Staubes,
Zum Haus der Finsternis - Irkallas Wohnung!
 
Zu dem Haus, das nicht mehr verlässt, wer es betritt,
Zur Straße hin, aus der es kein Zurück mehr gibt,
Zum Haus, da hinein kein Lichtstrahl dringt,
Wo Staub die Nahrung, Lehm die Speise ist.
 
Wo man Federkleider trägt wie die Vögel
Und kein Licht sieht, weil man im Dunkeln sitzt.
Auf Tür und Riegel lastet dick der Staub.
Totenstille ist gegossen über das Haus des Staubes.
 
Wo ich eingetreten war, im Haus des Staubes,
Dort sah ich mich um.
Da liegen am Boden Königskronen.
Könige sitzen da, vormals gekrönte Häupter,
Die seit der Vorzeit das Land beherrschten,
Die am Tisch von Anum und Enlil
Immer gebratenes Fleisch auftrugen,
Die das Gebäck den Göttern kredenzten,
Kühles Wasser aus Schläuchen einschenkten.
 
Wo ich eingetreten war, im Haus des Staubes,
Dort sah ich mich um.
Da sitzen Hohepriester und Vikare,
Da sitzen Beschwörer, Reinigungspriester,
Da sitzen Gesalbte aller großen Götter.
 
Da sitzt Etana, da sitzt Schakkan,
Da sitzt der Unterwelt Königin, Ereschkigal.
Belet-Seri, der Unterwelt Schreiberin,
Liegt demütig vor ihr auf den Knien.
Die Schreibtafel hält sie erhoben,
Laut liest sie ihr Zeile um Zeile vor. [1]
 
 
Es ist also wenig tröstlich in der Unterwelt. Und alle trifft es gleichermaßen, selbst Könige, deren Insignien jetzt funktionslos im Staub liegen. Ganz selten kommt es vor, dass ein Lebender hinunter in die Unterwelt geht mit dem Ziel, dort etwas zu erledigen und hernach schleunigst wieder emporzusteigen auf die Erde. Die Göttin Inana hatte es gewagt und teuer dafür bezahlt. Denn Vorsicht ist geboten: Geschwind verrät man sich und muss dann ewig dort bleiben. So geschah es auch Gilgameschs Freund Enkidu in der 12. Tafel des Gilgamesch-Epos. Dabei hatte Gilgamesch ihn noch gewarnt:
 
Gilgamesch antwortet dem Enkidu:
„Oh Enkidu, nimm dich in Acht!
Wenn du in die Unterwelt hinabsteigen willst,
Wenn du zum Heiligtum Irkallas hinab willst,
Dann nimm meinen Rat dir gut zu Herzen:
 
Ein reines Gewand darfst du nicht anziehen -
Sonst erkennen sie, dass du ein Fremder bist!
Mit gutem Öl darfst du dich nicht salben -
Sonst umzingeln sie dich, sobald sie es riechen!
 
Du darfst das Wurfholz nicht auf die Erde werfen -
Sonst umringen dich, die vom Wurfholz erschlagen!
Du darfst den Stock nicht in die Hand nehmen -
Sonst erzittern vor dir vor Furcht die Geister!
 
 Schuhe darfst du nicht anziehen an die Füße,
Lärm in der Unterwelt darfst du nicht machen!
Das Weib, das du liebtest, darfst du nicht küssen,
Das Weib, das du hasstest, darfst du nicht schlagen,
Den Sohn, den du liebtest, darfst du nicht küssen,
Den Sohn, den du hasstest, darfst du nicht schlagen:
Sonst wird dich der Aufschrei der Erde packen!
 
 Ihr, die da ruht, die da unten ruht,
Der Mutter des Ninazu, die da ruht -
Ihre reinen Schultern sind von keinem Kleid bedeckt,
Ihre Brüste, hell wie Alabaster, sind entblößt -
Ihr darfst du keinen Blick zuwenden,
Damit sie aus der Unterwelt dich wieder entlasse!“

 

Nur ein Mensch hatte bisher nicht die Unterwelt als Schicksal: Utanapischti, der mesopotamische Noah, der Menschheit und Fauna mit seiner Arche während der Sintflut rettete, erhielt vom König von Himmel und Erde, Enlil, für seine Verdienste das ewige Leben auf der Insel der Seligen. Gilgamesch traf ihn einst bei seiner Irrfahrt durch die Welt auf der Suche nach dem ewigen Leben. Er fand es nicht, und auch Utanapischti konnte es ihm nicht geben, jedoch ein Kraut des Lebens, mit dem man sich wieder verjüngen konnte - aber Gilgamesch verlor es auf seiner Rückreise. Erschütternd bleibt einem die Rede der Siduri, der Schenkin am Meer - die in Wirklichkeit eine Verkörperung der Göttin Ischtar ist - in Erinnerung, die Gilgamesch auf sein Nachfragen nach dem ewigen Leben  antwortet:

 

Die Schenkin sprach zu ihm, zu Gilgamesch:
"Gilgamesch, wo soll dein Weg nur enden?
Das Leben, das du suchst, das wirst du nicht finden!
Als die Götter die Menschheit erschufen,
Teilten den Tod sie den Menschen zu,
Und nahmen das Leben für sich in Beschlag.
 
Gilgamesch höre - dein Bauch sei stets voll,
Weil Essen und Trinken dir Spaß machen soll!
Ergötzen sollst du dich, singen und lachen,
Und jeden Tag dir zum Feiertag machen!
Tanze und spiele bei Tag und bei Nacht –
Bis es vollbracht.
 
Gesalbt sei dein Haupt, dein Gewand sei rein,
Mit Quellwasser sollst du gebadet sein!
Genieß die Früchte von Gebirge und Land,
Schau froh auf das Kind an deiner Hand,
Erfreue dich an deiner Gattin Schoß –
Aber darüber hinaus gibt es nichts –
Das ist der Menschheit Lebens-Los!“
 
Gilgamesch sprach zu ihr, zur Schenkin:
„Ich habe hier meine Zeit verschwendet,
Denn du hast mir wenig Trost nur gespendet!
Ich lasse mir aber von dir den Glauben
An ein ewiges Leben nicht einfach so rauben!"

 

Die Gilgamesch-Geschichte ist so angelegt, dass der Leser im mesopotamischen Altertum mit Gilgamesch um die Frage fiebert: Kann es wirklich sein, dass vom Menschen nichts übrig bleibt, als ein Totengeist? Es muss doch möglich sein, dass der Mensch den Tod überwindet, wenn die Götter ihn auch nicht schmecken müssen! Siduris zynische Rede befeuert dieses Aufbäumen noch. Wie wenig lieben denn die Götter die Menschen, dass sie alle mit dem Tod bestrafen, selbst wenn sie noch so gottgefällig leben? Dabei sind die Fähigkeiten der Götter durchaus vorhanden, Tote wieder auferstehen zu lassen - ja, alles, was vergeht, wieder zurückzuholen in neues Dasein. Im Enuma Elisch ist dies eine Götterprüfung des jungen Marduk: Er muss vor den Augen der anderen Götter ein Sternbild in Sekundenschnelle vollständig zerstören, um es anschließend ebenso schnell haargenau wieder entstehen zu lassen. Tote wiedererwecken zu können wird nicht wenigen Göttern des sumerisch-akkadischen Pantheons zugeschrieben. Im Wesen der Götter ist alles, was war, vorhanden, gleichwie alles, was sein wird. Selbst wenn ein Mensch verstorben und sein Körper vergangen ist, können sie ihn wieder von Neuem leben lassen. Ja, selbst wenn sein Totengeist vernichtet wäre - also nichts mehr von ihm übrig wäre, können die Götter ihn - wie jedes Ding, das es in den Weltenweiten gibt oder gab - erneut erschaffen, so wie er war, und ihm das Leben neu verleihen. Das ist vielfältig dokumentiert, und es ist das Wunder des Lebens. Aber wir kennen nicht viele Beispiele, in denen die Götter von ihren Fähigkeiten Gebrauch gemacht hätten.

Ganz anders verhält es sich mit einem anderen Gott, dem Christus Jesus: Er hat - zum ersten Mal in der Geschichte der Götter - jedem das ewige Leben versprochen, der an ihn glaubt. Als er leibhaftig auf Erden wandelte, war das Glauben schon keine Selbstverständlichkeit mehr unter den Menschen, anders als im ehrfurchtsvoll frommen Mesopotamien. Der Christus Jesus war zeitlebens umgeben von Zweiflern und abgestumpften Erbsenzählern. Nichtsdestotrotz hat er das Größte geleistet, was je ein Gott der Menschheit getan hat: Den Tod besiegt und die Menschheit befreit von der Geisel des Todes. Als der Christus Jesus den Tod des Leibes am Kreuz erlitten hatte und in seine Grabeshöhle gelegt worden war, fuhr er hinab in die Unterwelt zu denen, die ihn - den sehnlichst Erwarteten - nicht kennen konnten. Und all die, die guten Willens und guter Gesinnung waren, hat er in der gleichen Weise erlöst, wie die, die unter den Lebenden an ihn glauben durften. Damit hat der Christus Jesus auch alles Volk von Mesopotamien aus dem Halbtod der Unterwelt erweckt, erlöst und zu sich genommen. Die sumerische Unterwelt ist seit dieser Zeit nurmehr ein historischer Ort, ihre Schrecken sind gebannt, sie ist aufgelöst. In der geistigen Welt Sumers sitzt der Christus Jesus neben An im Pantheon, Marduk hat ihm die Enlilschaft mit Freude abgetreten. Vielleicht wird es Zeit für ein neues großes Epos.

Wir wissen den Christus Jesus auch als unseren Erlöser. Der Christus Jesus hat keine neue Religion gegründet. Er ist im Gärbottich der jüdischen Welt aufgetaucht, weil die Juden die direkte Verbindung zur sumerisch-mesopotamischen Religion darstellen, aber leider nicht gläubig werden wollten. Kein anderes Volk befand sich zu dieser Zeit in einem vergleichbaren Spannungsfeld. Die Mehrheit der Juden konnten dem Christus Jesus in ihrer jahwistischen Befangenheit nicht folgen - die Mesopotamier sind ihm wegen seines Erlösungsangebots (als er an der Pforte der Unterwelt erschien) mit brennendem Herzen in die Arme geflogen.

 

Terah

(Priester im Heiligtum des Nanna in Nippur)


 [1] Gilgamesch, in der Übertragung von Wolf Wieland 2016

 

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