Philosophie

Das mesopotamische "Ich" und der Kosmos

Der Mensch ist wie Gras

 

Die Ausführungen der mesopotamischen Chronisten über Ursache und Wirkung geschicht­li­cher Vorgänge  muten uns heute oftmals naiv an. Doch im Zusammenhang ihrer eigenen Schau des Universums und der von den babylonischen Menschen darin eingenom­menen Stellung sind sie vollkommen logisch. In Mesopotamien war das Selbst­verständnis des Men­schen, das heute in der westlichen Philosophie als so wesentlich angesehen wird, für das Erkennen und Begreifen der Außenwelt von untergeordnetem Rang.[1] Die erste Regel des westlichen Bewußtseins: „Erkenne dich selbst!" wäre für einen Mesopotamier unbegreiflich gewesen, und das sich daraus ergebende Gebot, dass „das angemessene Studium der Menschheit der Mensch ist“, wäre ihm wie ein frivoler, gefährlicher Unsinn vorgekommen. Dem Mesopota­mier galt das gesamte dingliche Universum als das entscheidende und hart­näckig verfolgte Studienobjekt, ohne Vermittlung des persönlichen Ichs zwischen Beobachter und Beobach­tetem. Wahrscheinlich hat es nie eine andere Zivilisation gegeben, die so aufrichtig darauf erpicht war, getreulich Informationen zu sammeln und dabei jegliche Verallgemei­ne­rung oder Erklärung vermeintlich entdeckter Prinzipien zu vermeiden.[2]

Genau das ist es, was uns beeindruckt: Bescheidenheit und Demut vor den Erscheinungen des Universums, Zurückstellung des Ich mit seinen nur kurzfristigen, lebenszeitgebundenen Forderungen. Denn wir sind alle Geschöpfe der Götter und ihrem Willen unterworfen.

 

[1] Nach Dr. Joan Oates, Babylon, 1986, deutsche Ausgabe, S.22
[2] J. Finkelstein, Mesopotamian Historiography, in Proceedings of the American Philosophical Society 107, 1963, S.463.
 
 

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