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Die Sumerer und das Corona-Virus

Arnold Böcklin: Die Pest (Ausschnitt)

Arnold Böcklin: Die Pest

Wie hätten die Sumerer wohl auf das Corona-Virus reagiert? Auf Tafel 1 des Atrahasis-Epos' (Ich schreite voll Freude, S. 24) finden wir eine ähnliche Situation. Nachdem die Menschheit im Auftrag Enkis durch Belit-Ili und ihre Geburtsgöttinnen geschaffen wurde, vergingen keine 1.200 Jahre, bis Enlil - der Herr des Himmels - sich derart von den Menschen gestört fühlte, dass er ihre Vernichtung durch Krankheit befahl:

Es waren noch keine 1.200 Jahre vergangen, da war das Land vielfältig gewachsen, die Menschen hatten sich vermehrt, überall brüllte, meckerte und schrie es im Land. Gott fühlte sich gestört von dem Aufruhr, denn immerzu mußte Enlil ihr Geschrei ertragen. Da sprach er zu den großen Göttern: "Der Lärm der Menschheit ist mir unerträglich geworden. Ich kann nicht mehr schlafen wegen ihres Tumults...laßt einen Schüttelfrost kommen, [der sie alle vernichtet - drei Zeilen fehlen]

Doch der Gott des Atrahasis war Enki, und der war überaus weise. Er konnte mit seinem Gott sprechen und sein Gott sprach mit ihm! Atrahasis machte den Mund auf und sprach zu seinem Herrn: "Wollen sie diese Krankheit für ewig auf uns lassen?" Enki machte den Mund auf und erwiderte seinem Diener: "Rufe die Ältesten in dein Haus zusammen zur gewohnten Zeit und sage ihnen: 'Laßt es von Herolden im ganzen Land verkünden: Verehrt eure Götter nicht länger, betet nicht länger zu euren Göttinnen! Sucht das Tor Namtars und legt dort ein gebackenes Brot nieder.' Möge das Mehlopfer ihm gefallen, möge er des Geschenkes wegen beschämt sein und seine Hand zurückziehen." Atrahasis gehorchte dem Befehl und versammelte die Ältesten an seinem Tor. Und er sprach also zu den Ältesten, die alle hier versammelt waren: "[Ihr] Ältesten, [merkt auf, was ich euch zu sagen habe. Enlil hat mir folgenden] Befehl [gegeben]: 'Laßt es von Herolden im ganzen Land verkünden: Verehrt eure Götter nicht länger, betet nicht länger zu euren Göttinnen! Sucht das Tor Namtars und legt dort ein gebackenes Brot nieder.' Möge das Mehlopfer ihm gefallen, möge er des Geschenkes wegen beschämt sein und seine Hand zurückziehen." Die Ältesten befolgten sein Wort. Sie bauten für Namtar einen Tempel in der Stadt. Sie befahlen, und die Herolde verkündeten. Das war ein lautes Rufen, das über dem Land erging. Sie verehrten nicht länger ihre Götter, sie beteten nicht länger zu ihren Göttinnen. Sondern sie suchten das Tor Namtars auf und legten davor ein gebackenes Brot nieder. Dieses Mehlopfer sah er mit Wohlgefallen. Da war er beschämt wegen der Geschenke und zog seine Hand zurück. Sogleich ward der Schüttelfrost von ihnen genommen, und sie verfielen bald wieder in ihr lärmendes Treiben wie zuvor.

Auf Geheiß des Königs von Himmel und Erde, des höchsten Gottes Enlil, wird die Menschheit mit einer tödlichen Krankheit gegeiselt. Es ist der düstere Unterweltsgott Namtar, der von Enlil mit der Durchführung betraut wird. Namtar, der Gott, der die Schicksale entscheidet, greift befehlsgemäß hart durch. Wie stehen diese beiden Gottheiten zur Menschheit? Namtar, eher auf der Seite der Exekutive, recht neutral - er führt einen Befehl aus, und das war's. Der "Herr des Himmels und der Erde", Enlil, hingegen ist kein sonderlicher Menschenfreund. Er betrachtet die Geschicke der Menschheit nicht gerade als seine Herzensangelegenheit: Er ist kein Gott, der alle liebt. Für Enki, den Weisheitsgott, ist das Wohl und Wehe der Menschheit jedoch eine Herzensangelegenheit. Seit er ihre Erschaffung selbst vorgeschlagen und nach der Einwilligung durch Enlil mithilfe der Geburtsgöttin Belit-Ili auch vollzogen hat, ist er bemüht, stets das Beste für die Menschen in die Entwicklung der Welt einzubringen.

Neben den Göttern, die öffentlich in ihren Heiligtümern verehrt und angebetet werden, hat jeder Sumerer noch einen persönlichen Gott und eine persönliche Göttin. Es können dies auch durchaus mal prominente Götter sein, wie bei Atrahasis: Sein persönlicher Gott ist ausgerechnet Enki. Atrahasis ist seinem Gott so eng zugewandt, dass sich ein intimes Verhältnis entwickelt hat: Er kann mit seinem Gott Zwiesprache halten - und sein Gott mit ihm. Als er Enki fragt, wie lange die Krankheit noch auf der Menschheit lasten würde, gibt der ihm einen hintersinnigen Rat... Man fühlt sich unwillkürlich an das Christuswort (Matth. 5, 44) erinnert: "Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen die euch hassen". Denn genau das schlägt Enki Atrahasis vor: Betet nicht weiter die Götter an, die euch traditionell wohlgesonnen sind. Nein, huldigt dem, der gerade dabei ist, euch zu verderben! Denn es ist nur in dessen Macht, "seine Hand zurückzuziehen"; und die Chancen dafür stehen gut, weil er sich nämlich wegen eurer Gaben beschämt fühlen könnte.

Die Sache gestaltet sich nicht einfach, denn es gibt in der Stadt keinen Tempel für Namtar, den finsteren Gesellen aus der Unterwelt. Und so muss erst mit großer Anstrengung ein würdiger Tempel errichtet werden, an dessen Tore dann das Volk seine Opferbrote bringt. Schlagartig hört die Seuche auf: Namtar war wirklich beschämt und zog seine Hand zurück. In diesem Sinn kann auch das Christuswort aus Matth. 5 ausgelegt werden. Dies ist ein großes Thema in der sumerischen Theologie: Die Menschen können die Herzen der Götter erweichen! Sie können sie von einmal gefassten nachteiligen Beschlüssen abbringen. Dabei muss noch nicht einmal unbedingt die Frage einer Schuld zur Sprache kommen. Die Menschheit war sich vermutlich keiner Schuld bewußt, denn, kaum war die Seuche verebbt, verfielen sie wieder in ihr "lärmendes Treiben wie zuvor". Sie wußten nicht, dass Enlil ihnen Namtar auf den Hals geschickt hat - doch auch ohne Kenntnis aller Zusammenhänge rettet sie Enki.

Nie wäre es der Menschheit gelungen, der von Enlil inszenierten Seuche zu entkommen, wenn sie nicht zwei Voraussetzungen erfüllt hätten:

  • den festen Glauben an die Götter
  • die Selbstüberwindung, dem Gutes zu tun, der ihnen selbst Böses schickt.

Von einer solchen Haltung sind die heutigen Menschen entfernter denn je. Dabei hätten sie es doch so bequem: Sie hätten nur einen einzigen Gott zu bedenken! Doch weil sie die Zusammenhänge, wie sie sich aus dem Atrahasis-Epos ergeben, nicht mehr einordnen können, sondern solche Erwägungen lächerlich finden, müssen sie sich natürlich nach anderen Lösungen umsehen.

 


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